Gestalttherapie-Entwicklung zu NS-/ Shoafolgen

Edition Psychotherapie und Zeitgeschichte

Moderne Erziehung zur Hörigkeit?

Die Tradierung strukturell-faschistischer Phänomene in der evolutionären Psychologieentwicklung und auf dem spirituellen Psychomarkt.
Ein Beitrag zur zeitgeschichtlichen Introjektforschung in drei Bänden.


Die Folgen von NS, Shoa, Ausmerze, Verfolgung in den nachfolgenden Generationen für die Gestalttherapie weiter zugänglich machen

Die nachfolgenden Beiträge dienen dem Selbststudium oder als Lehrfundus und sollen nach und nach eine Wahrnehmungslücke (Perls' Skotom) in der ganzheitlichen Psychotherapieentwicklung, insbes. in der Gestalttherapie, schließen. So können dann neben den spirituell-esoterischen Tradierungsphänomenen wie sie für die Nachkommen auf Täter-/ Mitläuferseite in der Studie erarbeitet wurden, auch die familiär entstandenen Tradierungsphänomene phänomenologisch erkannt, benannt und therapeutisch zugänglich werden. Denn wie die Praxis immer wieder zeigte, stehen beide Tradierungsweisen oftmals in einem verborgenen Zusammenhang: hinter der Sehnsucht nach spirituellen Neubeheimatungen und Paradieswelten zeigten sich oftmals die langen Schatten einer unbewältigbaren Vergan­genheit in den Familien und die Folgen des Schweigens darüber.

Dieses Schweigen zeigt sich auf Opfer- und Täterseite, hat aber sehr unter­schiedl­iche Gründe. Es bewirkte jedoch bei den Nachkommen auf beiden Seiten einen folgenreichen Hintergrund-Verlust. Dieser geht damit einher, dass sie die in ihr persönliches Leben hinein ragenden Folgen von NS, Shoa ... im sie unmittelbar betreffenden Verhalten ihrer Eltern/ Großeltern nicht als das erkennen, zuordnen können, was sie sind und sie so auch nicht von sich weg-rücken konnten. Damit wirkten NS und Shoa im familiären Alltagsleben wie über eine aus dem Bewusstsein gedrängte "zweite Realität" (Eckstaedt 1992, S. 112) in den Nachkommen weiter, was in deren Kontakterleben, Zutrauen, Psyche tiefe Spuren hinterließ.

Diese Spuren blieben auch in den psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildungen oft genug unerkannt und unbeachtet. Lediglich die Psychoanalyse hat die Folgen auf Opfer- und Täterseite weit reichend erarbeitet, weshalb hier ein erster Überblick aus diesem Fundus vermittelt werden soll, wobei für ein Curriculum auch theoretische Übersetzungsleistungen erforderlich sein werden. Die von Gestalttherapeut*innen zusammengetragenen Erkenntnisse werden mit einbezogen. Da die Erkenntnisse aus beiden Schulen überwiegend aus Einzeltherapien stammen, werden auch sozialpsychologische und sozialisationshistorische Erkenntnisse mit aufgenommen.
Dass sich in das transgenerationelle Weiterwirken von NS und Shoa auch das Weiterwirken von Kriegs- und Fluchttraumata mischt, ist nochmals ein eigenes Thema.  Dass in Deutschland lange nur von letzterem die Rede war, hatte Leugnungspotenzial und sollte das Auseinanderbrechen der Generationen bannen, die eigene Teilhabe an den Verbrechen der NS-Diktatur, Scham und Schuld, Verführbarkeit mit dem Kriegsopfer-Kapitel wegblenden. Dies blockierte nicht nur eine tiefere innere Auseinandersetzung mit all dem und auf dieser Basis auch einen echten Dialog zwischen den Generationen sondern hat bis heute auch eine problematische politische Dimension, die immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Es ist an der Zeit, dass sich auch die ganzheitliche Psychotherapie all diesen Problemen stellt.

So steht auch für die Aus-/ Weiterbildung in der ganzheitlichen Psychotherapie eine curriculare Integration all der bisher gewonnenen Erkenntnisse über die transgenerationellen Folgen von NS-Diktatur, Shoa, Entrechtung, Verfolgung, Ausmerze an. Die Vorarbeiten hierzu finden Sie in den nachfolgenden Beiträgen und in der Studie.

 

 

Beiträge für ein GT-Curriculum zum transgenerationellen Weiterwirken von NS und Shoa

Exzerpte, Theorie-Inputs, Anregungen für Workshops, Fortbildungen zum transgenerationellen Weiterwirken der Gefühlserbschaften aus NS, Shoa, Krieg

Weiterwirken von NS und Shoa in der nachfolgenden Generationen - auf Täter-/ Mitläuferseite - Karin Daecke, Workshop (Essen-Tagung der DVG, 2019):

I. Workshop-Konzept mit Kleingruppen-Material zum Thema Transgenerationelles Weiterwirken der Familien-Verwicklungen mit dem NS

II. Theorie-Input mit Exkursen zur Klärung, Zuordnung der Begriffe in Psychoanalyse und Gestalttherapie, wenn es um das "Weiterwirken von NS und Shoa (...)" geht

III. Theorie-Input zum Erscheinungsbild des Weiterwirkens von NS, Shoa, Krieg in den nachfolgenden Generationen auf Täter-/ Mitläufer-Seite

 

 

Bisher veröffentlichte Buch- und Zeitschriftenbeiträge zu NS, Shoa und den Weiterwirkphänomenen - eine Auswahl

Das Heil der Konfrontation. Die Nachwirkungen der Täter des Nationalsozia­lis­mus auf die dritte Generation aus dem Blickwinkel der Gestalttherapie
Nina Diesenberger Mag.(2014): Baccalaureats-/ Abschlussarbeit (SFUWI09011327). In dieser Arbeit werden die transgenerationellen Folgen der NS-Diktatur für die Enkel-Genera­tion benannt und im Hinblick auf die Lücken und Brüche im Familiengedächtnis reflektiert. Hierfür setzt sich die Autorin auch nochmals mit zentralen Begriffen der Gestalttherapie auseinander.

Gestalttherapie und Geschichte. Brüche in der deutschen Erzähltradition.
Kirsten Roessler (1996), Doktorarbeit im Fachbereich Psychologie der Universität Bremen Diese Arbeit setzt sich interdisziplinär mit der Abwehr gegenüber der Bewusstwerdung der NS-Vergangenheit und mit der hierzu gehörenden Derealisation von Schuld bis in die nachfolgenden Generationen auseinander. Sie bringt die Möglichkeiten zur Bearbeitung, Thematisierung von all dem in der Therapie in den Überblick und vergleicht die hierfür benötigten konzeptionellen Zugänge in Psychoanalyse, Humanistischer Psychologie und Gestalttherapie.

Nachdenken über Nachkommen der Täter(innen) und Mitläufer(innen) im Nationalsozialismus
Dieser Beitrag von Hilde Heindl (in Gestalttherapie 2006, 20/2, S. 74 - 87) verdeutlicht mit seinen zahlreichen Praxisbeispielen, was bereits in den Theorie-Inputs (GT-Workshop-Fundus II., III. IV.) zur Übersicht gebracht und begrifflich erörtert wurde. Er beschreibt auch die uns Nachgeborenen der 2. Generationen so "normal" erscheinenden emotionalen Folgen gut nachvollziehbar.

Zum psychoanalytischen Verständnis transgenerationaler Übertragungen.
Angela Moré (2018d; In: SANP (Swiss Arch. Neurol Psychiatr. Psychother. 169:2018 (8), Seite 232-240): Dieser Beitrag vermittelt die psychoanalytischen Vorstellungen von transgene­ra­­tio­neller Tradierung auf Täter- und Opferseite, die auch die Säuglings- und Bindungs­forsch­ung mit einbeziehen. So wird klarer, was unter der Verzahnung des psychischen Raums von Eltern und Kindern oder dem Ineinanderrücken der Generationen zu verstehen ist.

Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen.
Angela Moré (2013), Journal für Psychologie, 21/2, Seite 1-34. Dieser Beitrag führt weiter aus, was A. Moré bereits in ihrem Ar­tikel Gefühlserbschaften. Die verborgene Sprache zwischen den Genera­tio­nen in der GESTALTTHERAPIE (2u006, 20/2, Seite 74 - 87) zu vermitteln begonnen hat. Er differenziert dabei sowohl den Generationen- als auch den Trauma-Begriff für die Täter-/ Mitläufer- und die Opfer-Nachfahren und bezieht für die Weitergabe von Traumata auch die Kriegstraumafolgen mit ein.  

Hintergründe aus NS-Gewaltherrschaft und Zweitem Weltkrieg in heutigen Psychotherapien
Jürgen Müller-Hohagen (2015); In: GESTALTTHERAPIE (2015, 29/2, Seite 2-23); In diesem Beitrag werden nicht nur die transgenerationellen Folgen von Krieg und NS-Verbrechen/ -Mitläufertum für die nachfolgenden Generationen reflektiert, sondern hierfür auch gesondert auf die dauerhaft verunsichernden Nachwirkungen in den Familien der von Vernichtung bedrohten politisch Verfolgten geblickt, die bis zur Enkelgeneration reichen. Dies schließt eine Lücke in den bisherigen Schriften zum Weiterwirken, die aus der Praxiserfahrung schöpft. Hinter dieser stehen die Erfahrungen des Autors als Psychotherapeut und im Rahmen des von ihm und seiner Frau gegründeten Dachau Instituts Psychologie und Pädagogik  - www.dachau-institut.de

Gegenübertragung nach 1945 - fragmentarische Annäherungen
/ Dr. Jürgen Müller-Hohagen; In Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse. Geschichte der Gegenübertragung (1995/ 15, S. 109-141) Tübingen Dieser Beitrag reflektiert die Notwendigkeit des Einbezugs der Vergangenheit von NS und Überleben von Shoa, politischer Verfolgung in der Vergangenheit der Klient*innen und hebt hierzu den Wert eines psychotherapeutischen Arbeitens auf der Grundlage von Übertragung und Gegenübertragungsgefühlen, -impulsen hervor, um unbewusste Übertragungen im Sinne einer unbewussten Komplizenschaft mit den Täteranteilen bei den Klient*innen zu vermeiden. Der Autor veranschaulicht dies alles auch an einem Beispiel aus seiner eigenen Praxis und lässt hierzu auch die Patientenerfahrung zu Wort kommen.

 

Theoretische Beiträge zur zeitgeschichtlichen Weiterentwicklung der Gestalttherapie

Autonomieentwicklung und Verschmelzungssehnsucht
Karin Daecke, Paul Goodman-Tagung, Wien (D-A-CH-Dreiländertagung), 2011;
In diesem Beitrag geht es um das Ich- und Symbioseverständnis in der GT, Psychoanalyse und bei E. Fromm, wobei die spirituelle Weitergestaltung von NS-Tradierungen wie z.B. dem symbiotischen Verlangen, mit einem höherwertigen Ganzen zu verschmelzen, reflektiert wird.

Ein Zeitgeschichte und Gesellschaftsentwicklung einbeziehendes Mehrgenerationen-Feldkonzept
Karin Daecke, DVG-Tagung, Berlin, 2011;
Der Feldbegriff der GT hat einen Sinnbezug auf Wirk-Zusammenhänge. Im Beitrag finden Sie erste Begriffe und Vorarbeiten für schulen-übergreifende und interdisziplinäre Anschlüsse im Kontext einer gestalttherapeutischen Erforschung transgenerationeller Weiterwirkphänomene mit Zeitgeschichtshintergrund

Bausteine für eine sozialkritische Gestalt-Therapie mit zeitgeschichtlichem Hintergrundbezug
Karin Daecke, EAGT-Tagung, Berlin, 2010;
Ein strukturell-phänomenologischer Ansatz für die gestalttherapeutische Wahrnehmung von Weiterwirkphänomenen aus dem NS-Identifikationsfundus - hier festgemacht an spirituellen Weitergestaltungen

Potenziale der Gestalttherapie im NS-Introjekt- und Narzissmusforschungsfeld
Karin Daecke, Gestalttherapietagung, Hamburg, 2008;
Was die Psychoanalyse auf NS-Tradierungen bezogen als Übertragungs- und Objektbesetzungsphänomen begreift, kann mit der gestalttherapeutischen Begrifflichkeit auch als tradierungsrelevantes Introjektphänomen erfasst werden. Eine erste Einführung hierzu aus meiner Praxis- und Umfeld-Erfahrung

 

Sozialpsychologische und sozialisationshistorische Erkenntnis-Zugänge

Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher
von Sigrid Chamberlain - Buchbesprechung von J. Müller-Hohagen: Nachdem die Kinderpsychoanalytikerin Ute Benz (Dachauer Hefte Nr. 4, 1988) den Einfluss der NS-Ideologie auf Frauen erstmals wahrgenommen hat, untersucht nun Sigrid Chamberlain (1998) die „NS-Erziehung von erster Stunde an“. Dies legt im Blick auf frühe Störungen nicht nur eine strukturell angelegte Deprivation offen sondern auch die NS-Erziehungspolitik als „Erziehung durch Bindungslosigkeit“, die in die Symbiose mit der Führerschaft führte und bei den Nachgeborenen gravierende Folgen hatte.

Zur frühen Sozialisation in Deutschland zwischen 1934 und 1945 von Sigrid Chamberlain
(www.steigerweg.de)
Siehe hierzu auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_deutsche_Mutter_und_ihr_erstes_Kind

Übermittlung von Täterhaftigkeit an die nachfolgenden Generationen
von J. Müller-Hohagen (aus: Radebold, Hartmut, Werner Bohleber, Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Weinheim: Juventa, 2008, S. 155 - 164)
Ein Diskussionsbeitrag für diesen Fortbildungskontext und Erfahrungsbericht aus der Therapie- und - Erziehungs-/ Familien-Beratungsarbeit. Er betrachtet das an den Rand drängen eines Kindes in der Familie und sein Auffällig-Werden im Kontext verdrängter transgenerationeller Übernahmen von Täterhaftigkeit und unbewussten Loyalitäten mit Nazi-Tendenzen und verbindet diese kritisch mit dem allgegenwärtigen Trauma-/ Opferbezug.

Sozialisationshistorische Strukturperspektive auf die NS-Erziehung von erster Stunde an
von Karin Daecke: 2 Auszüge aus Band 3 der Tradierungsstudie, in denen es um die frühkindliche Erziehung (nach Haarer), die HJ-/ BDM-Erziehung geht und um spirituell weitergestaltete strukturelle Tradierungselemente bei den modernen psycho-spirituellen Glaubensmissionen.

 

Schritte hinaus - die Tradierungskette unterbrechen

Solidarität - Wagnis und Herausforderung
Vortrag von Ingeborg und Jürgen Hohagen auf der DVG-Tagung "Spaltung ist auch keine Lösung" (2018 Schwerin). Hier wird mit transgenerationellem Blick bis zur Urenkel-Generation auf das "innere Erbe" des politisch-strategischen Kalküls der Nazis geschaut, die Gesellschaft zu spalten, dies zur Norm zu erheben und die politisch, ethisch und ethnisch Weggespaltenen existenziell auszulöschen und das Prinzip Solidarität als Überwindungskonzept dargelegt.

Wagnis Solidarität
von Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen (2016) - Buchbesprechung von Josta Bernstädt (In: GESTALTTHERAPIE 2016, 30/2)

Den Zirkel der Gewalt verlassen. Möglichkeiten der Aufarbeitung von Schuld im Dienste der Prävention
Prof. Dr. Angela Moré, Leibniz Universität Hannover, Vortrag bei der Konferenz der IPPNW vom 2. – 4. Oktober 2015 in Frankfurt/Main
In diesem Vortrag geht es um die Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe, um die Folgen, die diese für die nachkommenden Generationen hat bzw. wie sich die Weitergabe bemerkbar macht und um die Frage, wie diese Tradierung unterbrochen und beendet werden kann.

 

Bewusstwerdungsprojekte

Das Projekt www.volksopernviertel1938.at wurde an der der Gestalttherapie D-A-CH-Tagung in Schwerin 2017 von der EAGT-Präsidentin Beatrix Wimmer vorgestellt. Ausgangspunkt dieses Projektes war das Haus Fluchtgasse Nr. 7 in dem Beatrix Wimmer wohnt und ihre Psychotherapeutsiche Praxis führt. Im April 2015 wurde nach einer historischen Rechereche im Rahmen eines BürgerInnen-Projekts eine Gedenktafel am Haus Fluchtgasse Nr. 7 angebracht, auf der 26 Namen der Personen aufgelistet sind, die als Opfer des Nationalsozialismus zwischen 1938 und 1945 vertrieben, enteignet oder ermordet wurden. Ein weiteres Projekt „Severingasse 8“ im 9. Wiener Gemeindebezirk erinnert an die Familie Kandel und alle weiteren Menschen , die aus diesem Wohnhaus, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, zwischen 1938 und 1945 verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Eric Kandel erhielt im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin/ Physiologie. Die Recherche zu beiden Häusern wurde durch die Historikerin Maria Czwik bereit gestellt.

Jüdische Wurzeln der Gestalttherapie. Eine Ausleuchtung im Hintergrund der Gestalt
Vortrag von Dieter Bongers (Basel) und Nurith Levi (Tel Aviv) auf der Gestalt-Tagung 2014, Motto: "Kenntnisse des Hintergrundes sind gut für die Figurbildung";